Leseprobe 1: Schöpfung

Schaffung des ersten Bürzel-Buddies durch Fingerzeig. Symbolik analog Ich lernte Dietlinde während einer Hausfrauenmesse kennen. Nicht, dass ich mich mit dieser Spezies identifizieren würde, aber ich wollte mich einfach mal richtig durchfuttern und hatte sonst nichts besseres vor. Sie interviewte gerade einen hochkompetenten Gewürzhändler, inwiefern seine Erzeugnisse potenzsteigernde Wirkung für schlappe Ehemänner entfalten können und wirkte äußerst selbstbewusst. Es war mir nicht klar, ob dieser Dialog unterhaltsame Plauderei war oder die letzte verzweifelte Idee einer notleidenden Frau fortgeschrittenen Alters; aber ich bin ja für Informationen jeglicher Art immer offen und horchte angestrengt. Derweil nahm ich einen Werbeflyer zur Hand und gab vor, interessiert darin zu lesen, obwohl ich doch eigentlich kein Wort entziffern konnte, hatte ich doch meine Lesebrille zuhause schrottreif zurückgelassen. Egal, ich war ja zum Essen hier, nicht zum Studieren.

Jedenfalls fand die notleidende Dame am Ende dann doch kein Zaubergewürz, das sie überzeugte. Aber nach meinem platten Kommentar „Besser gut essen als schlecht vernascht werden“ beschlossen wir, gemeinsam in Richtung Schlemmer-Büffet zu driften. Das war der Beginn – nicht nur einer dicken Freundschaft, sondern einer neuen Ära. Was sich daraus entwickeln würde, hätte Margarete Steiff in ihren verwegensten Albträumen sicher nicht zu erfinden gewagt.

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Mittlerweile war es Winter geworden und Weihnachten stand vor der Tür. Meine Antwort auf die klassische Frage eines jeden Abendlandbewohners nach den passenden Weihnachtsgeschenken hatte mit Dietlinde eine neue Dimension der Komplexität angenommen. Erstens wollte ich ihr unbedingt eine Freude machen und zweitens musste ich mich dazu auf Hausfrauenniveau begeben, was ich fernab meiner eigenen Lebensinhalte wähnte. Nach Tagen und Nächten strukturierten Brainstormings und fundierter Quellenforschung in ihrer reich dekorierten Wohnung und in ihren zahlreichen Handtaschen kam ich der Sache langsam näher. Irgendetwas für ihr Handarbeits-Hobby sollte es sein. Dummerweise braucht man dazu offenbar nix Dolles; und Stricknadeln aus brasilianischem Veilchenholz fand ich dann auch ziemlich übertrieben.

Doch eines Morgens beim Leeren meines Briefkastens fiel mir die neue Zeitschriften-Ausgabe meines geowissenschaftlichen Abos in die Hände und ich hatte die zündende Idee. Stricken braucht doch Muster und Vorlagen. Warum nicht ein Abo für eine solche Hausfrauen-Fachzeitschrift: die hat viele Bilder, klar formulierte Anleitungen und ist ordentlich dick. Das macht etwas her.

Was soll ich sagen, das Geschenk kam super an!

Als ich die erste hochglanzbeschichtete Lana-Grossa-Ausgabe auf Dietlindes Wohnzimmertisch fand, während sie mal wieder zu unserem Kinoabend nicht rechtzeitig fertig gestylt war, beschlich mich leiser Stolz auf mein erfolgreiches Weihnachtsgeschenk. (Dieser Stolz sollte sich noch als Hochmut vor dem Fall herausstellen …)

Aber erst einmal ließ ich mich dazu hinreißen, in dieser Bastel-Gala zu blättern. Während ich so bei mir dachte, wer guckt sich denn so einen Mist an und will sich in solche Öko-Lumpen hüllen, traf mein Blick ein kleines Foto unten links. Da saßen zwei kleine grün-beige Enten auf einem verdorrten Ast und linsten mich aus schwarzen Knopfaugen an. Ihre Bürzel reckten sie stolz in die Höhe. Ich war total entzückt. Sowas hatte ich nicht erwartet. Ich konnte mich einfach nicht mehr von dem Bild losreißen und brüllte lauthals zu Dietlinde rüber, die inzwischen bei der Auswahl ihrer heißgeliebten Schuhe angelangt war. „Die will ich haben! Kannst Du nicht mal solche Enten stricken, anstatt den zwanzigsten Schlabberpulli?“

Dietlinde, die noch nie ein Blatt vor den Mund genommen hatte, fragte mich unverblümt, ob ich noch ganz richtig ticken würde und wiederholte diese Frage mehrmals in den folgenden vier Stunden. Aber ich blieb dabei. Solche Bürzel-Enten mussten her!

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Viele Wochen vergingen und ich hatte das kleine Entenfoto in dem Strickjournal längst vergessen. Wie in den Wintermonaten üblich, konfrontierte Dietlinde mich jede Woche mit einem ihrer zahlreichen selbst geklöppelten Wollvehikel, denen das Attribut ‚Passform‘ völlig ab ging und in denen jede Frau, egal ob mager oder mollig, wie ein wandelnder Kartoffelsack auf Urlaub aussah. Aber ich hielt mich mit Kommentaren höflich zurück, wohl wissend, dass ich selbst in letzter Zeit etwas nachlässig mit meiner Erscheinung gewesen war. Immerhin ist so ein Wollknäuel vom Merino-Schaf ganz schön teuer. Um einen Pulli rund um Dietlindes Körper legen zu können, braucht es bestimmt 2-3 Schafe, schätzte ich, wagte aber nicht, diese Kalkulation vor ihr offenzulegen.

In dieser Zeit wachte ich eines Morgens auf, wankte noch schlaftrunken zum Fenster, um den Rollladen hochzufahren und blinzelte durch die sich verschiebenden Lamellenlöcher hinaus auf die Straße, als mir eine unbekannte Silhouette den Blick verstellte. Auf meiner Fensterbank hatte sich anscheinend irgendeine Veränderung ergeben.

Ganz langsam, mit jeder Lamelle, die vorbeizog, wuchs die Gewissheit – und dann kam das Licht – und mit ihm die Erkenntnis, dass ich von nun an nicht mehr der einzige Bewohner meines Lofts sein würde. Da saßen sie, alle beide, genauso wie auf dem Zeitschriftenfoto!

Offenbar hatte Dietlinde die beiden knuffigen Tierchen abends zuvor heimlich dort drapiert, um mich zu überraschen. Gelungen!

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