Leseprobe 3: Zurück zu den Wurzeln

Inzwischen hatten wir uns in dem kleinen Ferienappartement am Genfer See eingerichtet. Das Wetter war wider Erwarten sonnig und kein bisschen neblig. Dietlinde unternahm regelmäßig geheimnisvolle Ausflüge, die mehrere Stunden andauerten und bezüglich derer ich nicht eingeweiht wurde. Meinetwegen sollte sie. Ich konnte derweil meinen eigenen Interessen nachgehen. Nachdem ich einen Tag bei den Olympiawelten verbracht hatte und einen weiteren auf Schokoladenraubzügen unterwegs gewesen war, fand ich es an der Zeit, mein Versprechen einzulösen, den Bürzel-Buddies den See inklusive dort lebendem Geflügel zu zeigen.

Ich fing meine umherstreunende Häkelsippe ein und setzte sie in das Bürzel-Körbchen, das mittlerweile notdürftig repariert auf seinen Einsatz wartete. Aufgeregt wuselten die Buddies darin umher und bestanden darauf, ohne Abdeckung transportiert zu werden. Dann nahm ich eine weiche Decke, auserwählte Enten-Leckerli und den obligatorischen Regenschirm (man wusste ja nie) und trug die ganze Bagage hinunter ans Ufer, feinsäuberlich darauf bedacht, dass kein Windstoß die Buddies aus ihrem Behältnis wehte – und unter größtmöglicher Wahrung ihrer Privatsphäre. Ehrlich gesagt, mir war daran gelegen, den spöttischen Blicken anderer Passanten auszuweichen.

Ich suchte uns ein verstecktes Plätzchen im Ufergras, wo ich die Decke ausbreitete und wir uns unbeobachtet niederlassen konnten. In der Ferne schipperte ein Ausflugskahn über den See.GenferSee_kunst

Vor uns paddelte gerade eine Entenfamilie durch das seichte Wasser auf der Suche nach dummen Touristen, die Ihnen ungesundes Freßmaterial zuwarfen. Mittels einiger Knusper-Müsli-Flocken gelang es mir, sie auf uns aufmerksam zu machen. Sofort nahm die Gruppe Kurs auf unseren Lagerplatz. Ich erläuterte den Bürzel-Buddies, dass es sich um wildlebende Enten handelte, deren Sippe quasi ihre Vorfahren bildete und demselben Genpool entstammte. Die Kleinen hörten aufmerksam zu und verfolgten das Szenario aus sicherer Entfernung. Sie lugten verstohlen über den Körbchenrand, ohne einen Laut von sich zu geben.

Mittlerweile war die Entenfamilie am Ufer angelangt und kwäkte freundlich bei jedem neuen Müsli-Wurf. Eine von ihnen war besonders kess. Sie hüpfte aufs Grass und kam zu uns herüber getorkelt. Den Bürzel-Buddies wurde es jetzt aber doch mulmig. Brunhilde bat darum, weitere Lockangebote zu unterlassen und die Urtiere auf Abstand zu halten, da sie deren Größe nervös machte. Pook fand weitere Annäherungen jetzt auch unangemessen, schließlich konnte er deren Sprache nicht verstehen und Ausländer wären ihm ohnehin nicht geheuer. Offenbar ist Fremdenfeindlichkeit sogar unter Häkeltieren vertreten. Nur Swifty behielt die Nerven und wollte, in meiner Hand sitzend, immer noch näher rankommen. Manchmal siegt Neugier über Schisshasigkeit.

Mein ausgestreckter Arm mit dem blauen Mini-Buddy war der Entendame aber doch suspekt. Sie pickte schnell noch eine Müsli-Flocke und trat dann eiligst den Rückzug an. Wir beobachteten, wie sie zu ihrer Sippe watschelte und sich elegant zurück ins Wasser gleiten ließ.

Plötzlich raschelte es schräg hinter mir. Bernadette quiekte. „ES“ hatte sie erwischt! Während wir durch die Entenfamilie abgelenkt waren, hatte sich ein riesiger Erpel von hinten herangeschlichen und Bernadette auf den Rücken gepickt. Offenbar hatte er ihr beige-gelbes Wollkleid für eine Mischung aus Banane und Weißbrot gehalten, was er bereits von anderen Passanten kannte und als Leckerbissen eingestuft hatte. Im Bürzel-Körbchen brach das Chaos aus: Piek und Pook sprangen panisch über die Kante ins Gras und entschwanden aus meinem Blickfeld. Brunhilde rotierte wie ein Kreisel, um den Erpel zu verwirren, und Bernadette lief unkoordiniert hin und her, ängstlich bemüht, ihre Brilliantkette nicht zu verlieren. Der Erpel stand verdutzt hinter dem Körbchen und beäugte das Geschehen, völlig fassungslos, was er angerichtet hatte.

Es war an der Zeit, einzugreifen. Keinesfalls konnte ich riskieren, die Bürzel-Buddies in verlottertem Zustand zurückzubringen oder Dietlinde mit der Beichte unter die Augen treten zu müssen, dass einer ihrer Abkömmlinge einem kannibalistischen Erpel zum Opfer gefallen war, wenn auch nur aus Versehen. Aber es kam noch dicker.

Nachdem ich den Erpel mithilfe meines Regenschirms erfolgreich verjagt hatte, ging es darum, die Bürzel-Buddies zur beruhigen und zu überreden, wieder in das Körbchen einzusteigen, denn sie waren jetzt einhellig der Meinung, darin nicht sicher zu sein. Nach einer Weile bemerkte ich, dass Piek fehlte. Nackte Panik stieg in mir auf. Ich schnappte die verbleibenden Wollfreunde und verfrachtete sie trotz Gezeter in das Körbchen, das ich unter den aufgespannten Schirm schob, den ich wiederum aufgrund der Windböen, zwischen zwei alten Baumstümpfen einkeilen musste. Dann machte ich mich auf die Suche.

Im Umkreis von mehreren Metern durchforstete ich das Ufer. Wo zum Donnerwetter war das kleine Luder schon wieder hingeraten? Nach bangen Minuten sah ich sie endlich. Sie war offenbar vom Wind in den Morast geweht worden. Schlussendlich war die Bugwelle des Ausflugsdampfers am Ufer angekommen und hatte den kleinen leichten Bürzel-Buddy mit ins Wasser gezogen. Piek trieb nun hilflos auf den offenen See zu. Ich zögerte nur wenige Sekunden, dann stieg ich in voller Montur ohne Rücksicht auf den Inhalt meiner Hosentaschen, in denen sich Handy, Ausweise und Schmerztabletten befanden, ins Wasser.

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